LERNEN MIT ZUKUNFT

information & erinnerung Angelika Tzschoppe: Lottchen NAILA, WESTLICH VON HOF, OBERFRANKEN 1952 A dvent und Weihnachten waren in unserer Familie eine beson- ders schöne Zeit. Trotz der vielen Arbeit, die Mutter als Pfarrfrau mit vier Kindern hatte, las sie mir und meinem Bruder Gerhard jeden Tag eine weihnachtliche Geschichte vor. Dazu brannten natürlich die Kerzen am Adventskranz. Sonntags wurde Klavier gespielt, gesungen und geflötet. Als ich sieben Jahre alt war, wünschte ich mir zu Weihnachten eine Babypuppe mit Schlafaugen und Mama-Stimme. Zwei Tage vor dem Heiligen Abend fühlte ich mich plötzlich matt und elend. „Hoffentlich wirst du nicht krank“, seuf- zte meine Mutti. „Ich habe doch heute noch so viel zu tun.“ Die Vorbereitungen für den Heiligen Abend waren im vollen Gange. Die große Tanne stand bereits im Wohnzim- mer und wartete darauf, geschmückt zu werden. Darunter sollte noch die Krip- penlandschaft aufgebaut werden. Im Eßzimmer, das nur zu besonderen An- lässen geheizt wurde, wärmte der grüne Kachelofen. Mein Bruder Siegfried hatte schon seit Tagen dort seine Märklin- Eisenbahn aufgebaut und werkelte und bastelte in jeder freien Minute daran. Am Abend und in der Nacht wollte unse- re Mutter die Puppenküche, Puppenstu- ben und Kaufläden herrichten. Meine große Schwester Gisela durfte ihr eine Zeitlang dabei helfen. Mit dem Auf- stellen allein war es nicht getan, mußten doch die kleinen Schubläden mit ver- schiedensten Naschereien gefüllt und die Puppenstuben mit liebevollen Überra- schungen ergänzt werden. Große, alte Schachteln, die alle Schätze enthielten, stapelten sich bereits im Weihnachtszim- mer. Darunter war mir eine lange auf- gefallen, die ganz neu aussah. Könnte darin eine Babypuppe sein? Meine Mutter liebte diese Vorbereitungen. Später las ich in ihrem Tagebuch: „Ge- werkelt bis nachts um zwei Uhr, aber glücklich und zufrieden.“ Ein krankes Kind jedoch paßte nicht unbedingt in ihren Plan. Damit sie besser nach mir se- hen konnte, richtete sie mein Nachtlager auf dem Sofa im Wohnzimmer her und ließ die Tür einen Spalt offen. So konnte ich mich jederzeit bemerkbar machen. Ich hörte die leisen Stimmen von Mutti und Gisela und ab und zu ein Klappern und Schieben. In Gedanken stellte ich mir das Weihnachtszimmer vor und schlief darüber ein. Ich wachte erst wie- der auf, als mein Vater, wahrscheinlich gegen Mitternacht, aus seinem Studier- zimmer vom Erdgeschoß heraufkam. Er war gut gelaunt. „Paulinchen, ich bin fertig mit meiner Predigt. Jetzt muß ich mal bei dir nach dem Rechten sehen. Was macht unsere Patientin?“, fragte er meine Mutter. „Sie schläft zum Glück. So schlimm kann es nicht sein“, bekam er zur Antwort. Dann hörte ich Papa auf eine Schachtel klopfen: „Ist da ein Geschenk für mich drin? Da schau ich doch gleich einmal nach.“ „Ich warne dich!“, zischte Mutti. „Aber du hast Pech, da ist die Babypuppe drin.“ Ich lauschte atemlos. „Ach, wie schön“ - das war wieder Vaters Stimme, Angelika Tzschoppe www.zeitgut.de 32 | DEZEMBER 2018 Fotos:© Archiv Verlag Zeitgut.de Entnommen aus dem Buch Unvergessene Weihnachten Band 12 29 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen, 192 Seiten mit vielen Abbil- dungen, Ortsregister Zeitgut Verlag, Berlin. www. zeitgut.com Gebundene Ausgabe mit Lese- bändchen ISBN: 978-3-86614-265-7 Taschenbuch-Ausgabe ISBN: 978-3-86614-266-4

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